• Montage – Zeitliche Gestaltung

    • Montage & Schnitt – Zeitliche Gestaltung des Films

      Die Montage beschreibt, wie Bilder zeitlich angeordnet und miteinander verbunden werden. Sie bestimmt Rhythmus, Tempo und Erzählweise eines Films. Montage steuert Wahrnehmung, verdichtet oder dehnt Zeit und verstärkt emotionale Wirkung.

      Definition: Schnitt = Als Schnitt bezeichnet man die handwerkliche Tätigkeit im Schneideraum. Hier werden einzelne Einstellungen ausgewählt, gekürzt und miteinander verbunden

      Definition: Montage = Unter Montage versteht man das gestalterische Prinzip der Filmkomposition. Sie beschreibt, wie Einstellungen, Szenen und Sequenzen angeordnet werden, sodass Aussagen entstehen, die über das einzelne Bild hinausgehen.

      Montage steuert Wahrnehmung durch Schnitt, Rhythmus und Tempo. Die Länge der Einstellungen, ihre Abfolge und der Schnittpunkt entscheiden darüber, ob eine Szene ruhig, dynamisch, spannend oder irritierend wirkt. Schnelle Schnitte erzeugen Tempo und Unruhe, längere Einstellungen verlangsamen das Geschehen und lenken den Fokus auf Details. Montage formt so nicht nur den Erzählfluss, sondern beeinflusst unmittelbar Emotionen, Erwartungen und Deutungen.


      Grundtypen der Montage

      In dieser Kachel betrachten wir, wie gleiche Filmaufnahmen durch unterschiedliche Anordnung unterschiedliche Erzählungen erzeugen können. Ein anschauliches Beispiel dafür bietet ein YouTube-Video, in dem eine kurze Alltagshandlung in zwei Varianten erzählt wird: In der ersten Version entsteht ein logisch folgender Erzählverlauf (z. B. Frau kommt vom Sport, nimmt Vitamine, macht Frühstück, weckt den Mann etc.). Diese klassische Erzählmontage folgt dem Prinzip des Continuity Systems, bei dem die Einstellungen so miteinander verbunden werden, dass ein flussähnlicher, kausaler Handlungsverlauf entsteht.

      In der zweiten Version werden dieselben Einstellungen in veränderter Reihenfolge zusammengeschnitten, sodass ein ganz anderer narrativer Sinn entsteht – etwa dass der Mann scheinbar „vergiftet“ wird. Diese Variante richtet sich stärker an Assoziationen zwischen den Bildern als an einen logisch kausalen Ablauf und erinnert an montageorientierte Prinzipien, bei denen die Reihenfolge der Einstellungen neue Bedeutungen erzeugt. Unterstützt wird die neue Wirkung durch eine andere, düstere Hintergrundmusik und einen kalten, bläulichen Farbfilter.

      Beide Erzählweisen nutzen die gleichen visuellen Bausteine, unterscheiden sich aber in der Montagestrategie:

      • Die Continuity-Montage ordnet Bilder so, dass sie eine nachvollziehbare, zusammenhängende Geschichte erzählen.„Unsichtbare“ Montage mit fließendem Erzählverlauf. Raum, Zeit, Licht und Figuren bleiben konsistent.
        Ziel: Eindruck von Kontinuität, Einheitlichkeit und Unmittelbarkeit.
      • Die Assoziationsmontage setzt Bilder so gegeneinander, dass neue inhaltliche Verknüpfungen und Interpretationen entstehen, die nicht allein durch die Einzelbilder vorgegeben sind. Sichtbare Schnittfolgen, bewusste Brüche und Kontraste. Bilder aus unterschiedlichen oder widersprüchlichen Kontexten werden kombiniert (z. B. Kuleshov-Effekt).
        Ziel: Zuschauer:innen sollen selbst Zusammenhänge herstellen und Bedeutungen aktiv erschließen.

      Diese Gegenüberstellung macht deutlich, welche gestalterische Kraft im Schnitt steckt und wie stark der Sinn eines Films durch Montage erzeugt wird.

      In den 1910er bis 30er Jahren beschäftigten sich vor allem sowjetische Regisseure intensiv mit den Möglichkeiten der Montage und entwickelten basierend auf Experimenten zu unterschiedlichen Erzählformen eigene Montagetheorien. Der Filmemacher Lew Wladimirowitsch Kuleschov war einer dieser Pioniere und stellte Versuche zur assoziativen Montage an. Die Ergebnisse seines berühmtesten Experiments sind heute als sogenannter Kuleshov-Effekt bekannt.

      Kuleshov erstellte dazu einen kurzen Film mit einem Schauspieler, bei dem ein und dieselbe Nahaufnahme seines Protagonisten mit unterschiedlichen Filmeinstellungen kombiniert wurde. Dieser Film wurde im Kino vorgeführt und Publikum anschließend dazu befragt, wie der Schauspieler jeweils auf sie wirkt und welcher Ausdruck in seiner Mimik abzulesen ist. Folgende Ergebnisse kamen bei der Befragung zu Tage:

       Hunger
       
       Trauer
       
        Lust
       

      Die zentrale Erkenntnis des Experiments ist, dass den Zuschauer:innen durch die gestaltete Kombination von Einstellungen eine angezielte Bedeutung mithilfe von Assoziationsketten nahegelegt werden kann. Entscheidend ist dabei im Endeffekt das, was nicht gezeigt wird, denn die Zuschauer:innen ergänzen diese Information selbstständig. Sie konstruieren vor ihrem geistigen Auge einen Sinn der Einstellungsfolge, der auf Chronologie und Kausalzusammenhängen beruht.

      Im ersten Beispiel muss also gar nicht gezeigt werden, wie der Mann auf den Teller blickt oder gar, wie er isst. Es genügt, das Gesicht des Mannes und danach ein Bild von einem Teller Suppe zu zeigen, um diese beiden völlig unabhängig voneinander erstellten Aufnahmen für die Zuschauer:innen in einen inhaltlichen Zusammenhang zu bringen und die Aussage zu evozieren, dass er hungrig sei.

      Dieser Effekt beschreibt das Grundprinzip der Montage und macht deutlich, welche Manipulationsmöglichkeiten sich dadurch eröffnen. Einstellungen, die durch Montage miteinander kombiniert werden, formen eine Geschichte und gewissermaßen auch eine Wahrheit für die Narration. Überspitzt formuliert vermag Montage eine Welt zu formen, in der der Eifelturm nicht in Paris sondern in Berlin steht.

    • Gängige Montagetechniken

      Bei der Parallelmontage wird zwischen zwei oder mehr Handlungssträngen alternierend hin und her geschnitten (Kreuzschnitt), d.h. es werden immer abwechselnd Einstellungen aus Szene A und B gezeigt.

      Ein Beispiel für eine Parallelmontage mit drei Handlungssträngen findet sich im Ausgezeichnet!-Film "Who Am I" (Timecode: 01:03:07-01:04:02):

       

      Jump Cuts sind Bildsprünge, die deutlich sichtbar sind. Die so montierte Einstellungsfolge erzeugt im positiven Sinne Dynamik, im negativen Sinne Unruhe und Unsicherheit.

      Im Ausgezeichnet!-Film "Pride" sorgt Siân auf dem Polizeirevier dafür, dass inhaftierte Bergarbeiter freigelassen werden(Timecode: 00:34:05-00:34:35). Die Kamera wechselt in den einzelnen Einstellungen leicht ihre Position (vgl. Details im Hintergrund). Die Jump Cuts lassen sie entschlossen und durchsetzungsstark wirken.

       

       

      Eine Plansequenz ist eine Filmszene oder eine Filmsequenz, die komplett in einer einzigen Einstellung gedreht ist.

      Ein gutes Beispiel für eine Plansequenz ist die Exposition der Ausgezeichnet!-Serie "Wishlist" (Folge 1, Timecode: 00:01:16-00:02:36). Hier nehmen die Zuschauer:innen gemeinsam mit Mira die Verfolgung eines Mörders auf.

       

       

      Beim Match Cut geht es darum, den Schnitt zwischen zwei Einstellungen durch das Weiterführen von Bewegungen und weitere ähnlich gestaltete Bildelemente (matching elements) wie Farben und Formen, die Position von Personen und Objekten im Bild, gleiche Einstellungsgrößen usw. weicher zu gestalten. Durch einen Match Cut vollziehen sich Übergänge zwischen Szenen unauffälliger, Ortswechsel und Zeitsprünge werden weniger deutlich wahrgenommen, weil die Aufmerksamkeit der Zuschauer:innen auf der Bewegung und den matching elements liegt.

      Im Ausgezeichnet!-Film "Who Am I" gibt es ein schönes Beispiel für einen Match Cut, der einen Szenenübergang mit Ortswechsel kaschiert (Timecode: 00:10:52-00:11:13). Benjamin ist im einen Moment noch tagsüber mit dem Ableisten von Sozialstunden beschäftigt, als er Max kennenlernt und von ihm eine Einladung zu einer Party erhält – im nächsten Moment ist es Abend, und er steht mit der Einladung in der Hand vor dem Haus, in dem die Party stattfindet.

       

       

      Bei einer klassischen zusammenfassenden Montagesequenz werden schnelle Schnittfolgen eingesetzt, um Zeit und Raum zu kondensieren und so in kurzer Zeit viele Informationen zu vermitteln. Dadurch ist die Erzählzeit deutlich kürzer als die erzählte Zeit. Die Zuschauer:innen erfahren in Minuten, was sich für die Protagonist:innen innerhalb von Tagen, Wochen oder Monaten ereignet hat. Um für Dynamik zu sorgen, werden oft Jump Cuts eingesetzt und die gesamte Sequenz wird häufig durch Musik geklammert. Neben der zusammenfassenden gibt es zudem noch die beschreibende Montagesequenz. Hier liegt der Fokus darauf, eine Stimmung einzufangen oder einen Ort vorzustellen und Einstellungen aneinanderzureihen, die zur intendierten Aussage passen.

      Im Ausgezeichnet!-Film "Pride" findet sich ein gutes Beispiel für eine zusammenfassende Montagesequenz. Dass hier ein langer Zeitraum gerafft präsentiert wird, wird durch Mittel der Mise en Scène unterstützt (Timecode: 00:43:33-00:45:04).

       

       

      Beispiele:

      • Rückblende
        Ein Schnitt in die Vergangenheit, der Informationen zur Vorgeschichte liefert oder Motive von Figuren erklärt.

        Ein Ausgezeichnet!-Film, der sehr viel mit Rückblenden arbeitet ist "Der Fall Collini". Über den Verlauf des Films hinweg werden immer wieder Erinnerungen des Anwalts Caspar Leinen an seine Kindheit im Zusammenhang mit seinem Mentor Hans Meyer eingestreut (z.B. Timecode: 00:09:15-00:10:13). Darüber hinaus werden auch vom Angeklagten Fabrizio Collini Erinnerungen an Ereignisse in seiner Kindheit als Rückblenden gezeigt.

      • Vorausblende
        Ein kurzer Blick in zukünftige Ereignisse, der Erwartungen erzeugt oder Spannung aufbaut. 

        Im Ausgezeichnet!-Film "Masel Tov Cocktail" hat Dima eine Vision von der noch bevorstehenden Abifahrt, die für ihn droht auszufallen, wenn er sich nicht bei seinem Mitschüler Tobi entschuldigt (Timecode: 00:06:40-00:06:55).

      • Zeitraffer
        Längere Zeiträume werden stark verkürzt dargestellt, um Entwicklungen schnell sichtbar zu machen. 

        Im Ausgezeichnet!-Film "Rico, Oskar und die Tieferschatten" unterstützen Zeitraffer-Aufnahmen die Narration, indem sie Ricos Warten auf Oskar illustrieren (Timecode: 00:44:19-00:45:05). Rico wirkt durch die Zeitraffer-Aufnahmen ungeduldig, vorfreudig, lebhaft und auch etwas unbeholfen und unbedarft. 

      • Zeitlupe
        Bewegungen werden verlangsamt, um Details hervorzuheben oder emotionale Momente zu intensivieren. 

        Im Ausgezeichnet!-Film "Who Am I" wird die Festnahme der Hackers MRX mithilfe einer Zeitlupe regelrecht zelebriert (Timecode: 01:22:04-01:22:46).  

      • Split Screen
        Mehrere Bilder werden gleichzeitig gezeigt, um parallele Handlungen oder unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen.

        Häufig beziehen sich die Handlungen im Split Screen direkt aufeinander oder es finden sogar Interaktionen zwischen den Protagonist:innen statt. So z.B. im Ausgezeichnet!-Film "Leroy", in dem das Telefonat von Leroy und Dimi im Split Screen gezeigt wird. 

         

      Bei der Inszenierung von Dialogen werden Bildachsen (Handlungsachse, Blickachsen der Protagonist:innen, Kameraachse) festgelegt, um räumliche Orientierung zu sichern. Häufig kommt das Schuss-Gegenschuss-Prinzip zum Einsatz, bei dem abwechselnd beide Gesprächspartner gezeigt werden. Die 180°-Regel sorgt dafür, dass Blickrichtungen und Raumbezüge für das Publikum verständlich bleiben. Ein Achsensprung durchbricht diese Regel bewusst und kann Irritation, Unruhe oder einen Perspektivwechsel erzeugen.

      Links-Rechts-Orientierung: Person A sitzt also z.B. immer rechts im Bild und schaut nach links, Person B sitzt links und schaut nach rechts. Wird die Achse im Szenenverlauf überschritten, spricht man von einem Achsensprung (rotes Kreuz). Siehe Schaubild.

      Dialoginszenierung

      Ein gutes Beispiel für Achsensprünge findet sich im Ausgezeichnet!-Film "Masel Tov Cocktail" (Timecode: 00:06:01-00:06:28). Dima (sitzend) befindet sich zunächst in der rechten Bildhälfte, sein Vater in der linken. In der nachfolgenden Einstellung wird die Achse übersprungen. Dima steht plötzlich links.